Der Track State in iRacing ist der aktuelle Zustand der Strecke: wie viel Reifengummi auf der Ideallinie klebt, wie viele Marbles daneben liegen und wie warm der Asphalt gerade ist. Dieser Zustand wächst mit jeder gefahrenen Runde. Darum hat dein Auto im Rennen mehr Grip als im Qualifying — und wenn die Session in den Abend läuft, fällt zusätzlich die Temperatur. Zwei Effekte, eine gefühlt völlig andere Balance.
Die Strecke ist in iRacing kein Foto, sondern ein Modell, das sich während der Session verändert. Der Server teilt die Fahrbahn in kleine Zellen auf, sammelt, wo die Autos fahren, und schickt den aggregierten Zustand an alle Fahrer zurück — Gummi, Marbles und Oberflächentemperatur inklusive. Wer das nicht auf dem Schirm hat, sucht den Fehler nach dem Start im Setup, obwohl sich nur die Strecke unter dem Auto verändert hat. Stand: iRacing 2026 Season 3.
Was sich über eine Session wirklich verändert
- Gummi auf der Ideallinie: Jede Runde legt eine dünne Schicht Reifenabrieb auf die Linie. Die Strecke wird schneller, und zwar vor allem dort, wo alle fahren. Neben der Linie bleibt es grün und rutschig.
- Marbles: Abgerissener Gummi rollt sich zu kleinen Kügelchen und sammelt sich außerhalb der Linie. Wer dort langfährt, sammelt sie auf den Reifen ein und hat für ein bis zwei Kurven spürbar weniger Haftung. Seit dem Build 2026 Season 2 bleiben Marbles länger am Reifen kleben, statt sofort weggeschleudert zu werden.
- Streckentemperatur: Sonnenstand, Bewölkung und der Fahrbetrieb selbst heizen den Asphalt auf. Heller Beton reflektiert mehr Energie als dunkler Asphalt, Schattenbereiche bleiben kühler — iRacing rechnet das mit.
- Nässe: Regen dreht die Logik um. Genau die gummierte, polierte Ideallinie ist nass am glattesten, weil Wasser auf dem Gummi steht. Die schnelle Linie liegt dann oft daneben.
Warum dasselbe Setup abends anders fährt
Zwei Dinge laufen gegeneinander. Der Gummiaufbau gibt dir mehr Grip, die sinkende Temperatur nimmt deinen Reifen Wärme weg. Das Ergebnis ist selten „einfach schneller“, sondern eine verschobene Balance.
Der Reifendruck ist dabei der ehrlichste Verräter. Du stellst in der Garage den Kaltdruck ein, gefahren wird mit dem Warmdruck, der sich über die Runden aufbaut. Auf kühlerem Asphalt fällt dieser Aufbau kleiner aus: Der gleiche Kaltdruck landet abends unter dem Fenster, in dem das Auto morgens funktioniert hat. Dazu brauchen die Reifen länger, bis sie überhaupt auf Betriebstemperatur sind — je nach Auto und Compound liegt das Arbeitsfenster grob zwischen 85 und 105 °C. Die erste Runde nach dem Boxenstopp fühlt sich abends deshalb an wie Eis, obwohl am Setup nichts verändert wurde.
Dazu kommt der Zeitpunkt im Rennwochenende. Das Qualifying fährst du auf einer Strecke, über die bis dahin vielleicht 20 Minuten Practice gelaufen sind. Der Renn-Start liegt nach dieser Practice plus Qualifying — mehr Gummi, mehr Grip an beiden Achsen, aber nicht gleichmäßig. Ein Auto, das in der Quali neutral war, schiebt im Rennen oft leicht über die Vorderachse oder wird beim Herausbeschleunigen giftig. Das ist kein Bug, das ist der Track State in iRacing bei der Arbeit.
Track State in iRacing selbst einstellen und testen
Der schnellste Weg, ein Gefühl dafür zu bekommen: dieselbe Runde zweimal fahren, einmal auf grüner und einmal auf eingefahrener Strecke.
- Testsession vorbereiten: Auto und Strecke wählen und vor dem Start die Session-Optionen öffnen. Dort stellst du Uhrzeit, Wetter und Streckenzustand ein.
- Grüne Strecke fahren: Vornutzung auf einen niedrigen Wert setzen, fünf saubere Runden fahren und dir die beste Zeit plus dein Gefühl notieren — schiebt die Front, kommt das Heck?
- Session neu starten, Strecke eingefahren: Denselben Ablauf mit hoher Vornutzung wiederholen. Gleiches Setup, gleiche Uhrzeit, gleiche Reifen.
- Uhrzeit variieren: Drittes Mal auf eingefahrener Strecke, aber zwei bis drei Stunden später am Tag. Jetzt siehst du den Temperatureffekt isoliert.
- Werte vergleichen: Rundenzeit, Warmdruck nach fünf Runden und Reifentemperaturen gegenüberstellen. Diese drei Zahlen erklären dir mehr als jede Setup-Tabelle aus dem Forum.
In einer Hosted Session — dem selbst erstellten Rennen für Freunde oder die Liga — steuerst du das im Abschnitt für die Streckenbedingungen. Dort legst du den Startzustand für Practice, Qualifying und Rennen getrennt fest, entscheidest, ob der Zustand von Session zu Session übernommen wird, und ob Marbles auf der Strecke liegen bleiben. Den Grad der Vornutzung gibst du entweder als Prozentwert an oder überlässt ihn der Automatik, die sich nach dem Session-Typ richtet. In offiziellen Serien hast du diese Wahl nicht: Dort ist der Zustand vorgegeben und wird über das Wochenende weitergereicht.
Was du am Setup drehst, wenn die Strecke Gummi aufbaut
Erst messen, dann schrauben — und nie zwei Sachen gleichzeitig. Diese Stellschrauben sind beim Streckenzustand die relevanten:
- Kaltdruck: Für lange Stints auf warmer, eingefahrener Strecke setzt du ihn niedriger an, weil der Aufbau über die Runden größer ausfällt. Für die einzelne schnelle Quali-Runde darf er höher liegen, damit der Reifen früher im Fenster ist.
- Aero-Balance: Mehr Grip auf der Linie heißt nicht automatisch weniger Flügel. Ändere ihn erst, wenn das Auto über mehrere Runden konstant in eine Richtung kippt, nicht nach dem ersten Ausritt.
- Stabilisatoren und Differenzial: Die letzten Feinheiten, nicht die ersten. Sie lohnen sich, wenn du benennen kannst, ob das Problem beim Einlenken, in der Kurvenmitte oder beim Herausbeschleunigen sitzt.
- Zwei Setups statt eines: Ein Auto, das über eine Renndistanz konstant bleibt, ist mehr wert als eines, das eine Runde lang perfekt ist. Speichere dir Quali und Rennen getrennt ab.
Typische Fehler — und was uns selbst Rundenzeit gekostet hat
Der Klassiker bei uns in der Community: Setup in einer leeren Testsession auf voll eingefahrener Strecke abgestimmt, im Rennen dann auf halbgrünem Asphalt gestartet und sich gewundert, warum das Heck in Runde eins wegläuft. Wer im Test übt, sollte den Zustand einstellen, den er im Rennen erwartet — nicht den bequemsten.
Zweiter Dauerbrenner: in der Anfangsphase neben der Linie überholen wollen. Auf einer stark gummierten Strecke ist der Bereich daneben nicht nur staubig, sondern voller Marbles. Der Versuch endet oft mit einem Dreher und einem Incident-Punkt, der dein Safety Rating drückt — das ist die Sauberkeitsnote, die über deine Lizenzstufe entscheidet.
Und der leiseste Fehler: die Reifendrücke nach dem Rennen nie anschauen. Wenn dein Warmdruck am Stintende deutlich über dem Zielwert liegt, hast du kein Fahrproblem, sondern ein Temperaturproblem.
Hintergrund: wie iRacing den Streckenzustand rechnet
Die Sim führt kein Skript ab, sondern ein physikbasiertes Oberflächenmodell. Reifen geben Gummi an einzelne Zellen der Fahrbahn ab, rollende Reifen reißen ihn teilweise wieder heraus, und daraus entstehen Marbles. Der Server sammelt diese Daten aller Autos ein und verteilt den gemeinsamen Zustand zurück an alle Teilnehmer — deshalb sieht dein Gegner denselben Grip wie du. Parallel läuft das Temperaturmodell mit Sonnenstand, Schatten und Reflexionsgrad der Oberfläche mit. Details dazu beschreibt iRacing in seinem Entwicklerbeitrag zum dynamischen Streckenmodell, die Session-Einstellungen stehen im Support-Artikel zur Hosted Session.
Genau deshalb lohnt es sich, den Track State in iRacing wie eine eigene Setup-Variable zu behandeln: Er ändert sich planbar, nicht zufällig. Wer weiß, dass die Strecke bis zum Rennstart zulegt und abends abkühlt, plant seinen Kaltdruck vorher — statt in Runde drei zu improvisieren.
Wenn du wissen willst, mit welchen Drücken und Zuständen andere auf deiner aktuellen Strecke unterwegs sind: Genau solche Vergleiche laufen bei uns täglich im Discord der iRaceCommunity. Poste deine Reifentemperaturen nach dem Stint, dann schaut jemand mit demselben Auto drauf.
Häufige Fragen
Was bedeutet Track State in iRacing genau?
Track State ist der Zustand der Fahrbahn zu einem Zeitpunkt: wie viel Reifengummi auf der Ideallinie liegt, wie viele Marbles daneben sind und wie warm die Oberfläche ist. Er verändert sich laufend während der Session.
Warum ist mein Auto im Rennen anders als im Qualifying?
Bis zum Rennstart sind Practice und Qualifying gelaufen, die Strecke ist stärker eingefahren und hat mehr Grip. Gleichzeitig ändert sich die Temperatur. Beides verschiebt die Balance, obwohl du am Setup nichts angefasst hast.
Was sind Marbles und wie gefährlich sind sie?
Marbles sind kleine Gummikügelchen aus abgerissenem Reifenabrieb, die sich neben der Ideallinie sammeln. Fährst du dort, kleben sie kurz am Reifen und kosten für ein bis zwei Kurven deutlich Haftung.
Kann ich den Streckenzustand selbst einstellen?
In Testsessions und in eigenen Hosted Sessions ja: Dort legst du die Vornutzung fest, entscheidest über die Übernahme zwischen den Sessions und über Marbles. In offiziellen Serien ist der Zustand vorgegeben.
Sollte ich für Regen anders denken?
Ja. Nass ist die stark gummierte Ideallinie am glattesten, weil das Wasser auf dem polierten Gummi steht. Die schnellere Linie liegt dann oft ein Stück daneben, wo der Asphalt rauer ist.
