Schneller wirst du nicht durch mehr Runden, sondern durch das Auswerten der gefahrenen. Vergleiche deine Runde in iRacing per Delta gegen eine Referenzrunde: Das Delta – die Zeitdifferenz an jedem Streckenpunkt – zeigt dir Meter für Meter, wo du Zeit verlierst. An diesen Stellen prüfst du in der Telemetrie Bremspunkt, Gas und Lenkwinkel. So kannst du deine Runde analysieren und gezielt korrigieren, statt blind am Setup zu drehen.
Was du dafür brauchst
- iRacing mit aktiver Telemetrie-Aufzeichnung – scharfgeschaltet per Tastenkürzel
ALT+L, ohne Zusatzsoftware. - Eine Referenzrunde: deine eigene saubere Bestzeit oder eine nur wenig schnellere Vergleichsrunde – gleiches Auto, gleiche Strecke, möglichst ähnliches Setup.
- Ein Auswerte-Tool: für die Live-Kontrolle ein Delta-Overlay wie PitWall, für die Tiefenanalyse die Cosworth Pi Toolbox – für iRacing-Fahrer kostenlos und mit nativer Unterstützung für
.ibt-Dateien – oder MoTeC i2.
Aufzeichnung einschalten und den Speicherort kennen
Die Telemetrie liegt bei iRacing bereits im Sim, du musst sie nur scharfschalten. Laut dem offiziellen iRacing-Telemetrie-Quickstart aktivierst du das Logging jederzeit in einer Session mit alt-L; danach erscheint ein Symbol im Bild, das aufleuchtet, sobald wirklich auf die Platte geschrieben wird. Bei jedem Einstieg ins Auto legt iRacing eine neue Datei im Ordner [Eigene Dokumente]\iRacing\telemetry\ an – der Ordner existiert erst, nachdem du die erste Aufzeichnung erzeugt hast.
Zwei Dinge, die dabei gern für Verwirrung sorgen: Erstens ist eine .ibt-Datei kein Runden-, sondern ein Session-Mitschnitt – sie beginnt beim Einsteigen und endet beim Aussteigen, deine Runden liegen darin als Abschnitte. Zweitens reicht die Standard-Aufzeichnung für Fahrtechnik völlig aus. Die hochfrequente 360-Hz-Aufzeichnung, die du in der app.ini mit irsdkLog360Hz=1 einschaltest, ist laut den iRacing-Release-Notes zur 2017 Season 1 standardmäßig deaktiviert und betrifft ohnehin nur Dämpferweg, Dämpfergeschwindigkeit und Lenkmoment – also Setup- und Motion-Rig-Themen, nicht deinen Bremspunkt.
Schritt für Schritt die eigene Runde analysieren
- Telemetrie einschalten. Drücke während der Fahrt
ALT+L– unten links erscheint der Schriftzug „telemetry“. Wer dauerhaft aufzeichnen will, aktiviert das Telemetry-Logging fest in den Optionen. - Saubere Vergleichsrunden fahren. Fahr ein paar fehlerfreie Runden am Stück, damit du eine echte Bestzeit als Referenz hast – keine Runde mit Verbremser oder Randstein-Ausritt.
- Delta live lesen. Ein Delta-Overlay zeigt schon während der Fahrt, ob du gegenüber deiner Referenz Zeit gewinnst oder verlierst. Ein negatives Delta heißt schneller, ein positives langsamer als die Referenz.
- Die Datei öffnen. Lade die
.ibt-Datei in Pi Toolbox (oder per Mu-Konverter in MoTeC i2) und leg deine Runde und die Referenzrunde übereinander. - Zuerst die Delta-Kurve lesen. Die Zeit-über-Distanz-Kurve zeigt, an welcher Streckenstelle die Lücke aufgeht: Dort steigt die Linie an. Das ist dein wichtigster Streckenabschnitt – nicht die Gerade, auf der du sowieso Vollgas gibst.
- An der Verlust-Stelle die Kanäle vergleichen. Schau dir an dieser Stelle Geschwindigkeit, Bremse, Gas, Lenkwinkel und Gang an: Bremst die Referenz später? Ist ihre Kurven-Mindestgeschwindigkeit höher? Geht sie früher wieder ans Gas?
- Den Verlust der richtigen Kurve zuordnen. Sehr oft entsteht die Lücke nicht dort, wo die Delta-Linie steigt, sondern eine Kurve davor: Wer zu langsam aus der vorherigen Kurve kommt, verliert die Zeit erst auf der folgenden Geraden. Lies deshalb immer den Abschnitt vor dem sichtbaren Verlust mit.
- Eine Änderung ableiten und rausfahren. Ändere pro Stint nur eine Sache – etwa den Bremspunkt an dieser einen Kurve –, zeichne neu auf und prüfe das Delta erneut. So weißt du sicher, was die Zeit gebracht hat.
Die vier Kanäle, die fast jeden Zeitverlust erklären
Pi Toolbox und MoTeC i2 zeigen dir dutzende Kanäle. Für die ersten Wochen brauchst du davon vier – und zwar in dieser Reihenfolge:
- Geschwindigkeit: Der wichtigste Wert ist nicht die Spitze auf der Geraden, sondern die Mindestgeschwindigkeit im Scheitelpunkt. Liegt sie unter der Referenz, hast du zu viel Tempo abgebaut – und schleppst den Rückstand über die gesamte folgende Gerade mit.
- Bremse: Interessant sind Anfangsdruck und Bremslösung. Ein steiler Anstieg auf hohen Druck und ein sauberes, gleichmäßiges Lösen bis zum Einlenkpunkt ist das Ziel; ein Plateau über die halbe Kurve verrät Schleppbremsen.
- Gas: Der Zeitpunkt, an dem die Gaskurve dauerhaft steigt, entscheidet den Kurvenausgang. Ein Auf und Ab kurz nach dem Scheitelpunkt zeigt, dass du zu früh aufgemacht hast und wieder zurücknehmen musstest.
- Lenkwinkel: Eine ruhige, gleichmäßige Linie steht für einen sauberen Einschlag. Springt sie, korrigierst du mitten in der Kurve – das kostet Grip, Reifen und Zeit.
Gang und Drehzahl nimmst du erst dazu, wenn diese vier passen – sonst optimierst du einen Schaltpunkt, während das eigentliche Problem drei Zehntel vorher liegt.
Fehlerbilder erkennen: so sehen sie in den Daten aus
- Overslowing: Deine Bremskurve endet früher als die der Referenz, die Mindestgeschwindigkeit liegt darunter, danach gehst du früher ans Gas. Klassisch beim Einstieg – du bremst zu viel und fährst dadurch schon vor dem Scheitelpunkt zu langsam.
- Untersteuern: Der Lenkwinkel steigt weiter an, die Geschwindigkeit fällt trotzdem, und das Gas bleibt lange unten. Das Auto schiebt über die Vorderachse – hier hilft ein späterer, ruhigerer Einlenkpunkt mehr als jede Setup-Änderung.
- Übersteuern und Korrektur: Kurze Gegenausschläge im Lenkwinkel bei gleichzeitig zurückgenommenem Gas. Jede dieser Korrekturen kostet Zeit, auch wenn sie sich im Cockpit nach „gerade noch gehalten“ anfühlt.
- Blockierende Räder: Scharfe Spitzen in der Bremskurve, während die Radgeschwindigkeit einbricht. Lockups kosten nicht nur Einlenkzeit, sondern Flatspots für den Rest des Stints.
- Zu spät auf der Geraden: Die Delta-Linie steigt gleichmäßig über die ganze Gerade, ohne dass in der Kurve etwas auffällt. Dann liegt die Ursache im Kurvenausgang davor – oder im Setup, etwa an zu viel Flügel.
Typische Fehler – was uns selbst Zeit gekostet hat
- Nur auf die Gesamtzeit starren statt auf die Delta-Kurve Kurve für Kurve. Zwei gleich schnelle Runden können völlig unterschiedlich zustande kommen.
- Gegen eine „Alien“-Runde vergleichen (ein sehr schneller Fahrer) mit ganz anderem Setup. Das verzerrt jeden Kanal – nimm eine realistische Referenz, im Zweifel deine eigene Bestzeit.
- Auf Topspeed jagen statt auf Kurven-Mindestgeschwindigkeit und Kurvenausgang. Die Zeit entsteht im Kurvenausgang, nicht am Ende der Geraden.
- Alles auf einmal ändern. Bremspunkt, Linie und Setup gleichzeitig zu drehen macht die nächste Messung wertlos – du weißt hinterher nicht, was gewirkt hat.
- Eine einzelne Runde als Wahrheit nehmen. Erst wenn du eine Korrektur über mehrere Runden reproduzierst, ist sie echt und nicht nur ein guter Zufall.
Welches Werkzeug für welchen Zweck
Um die eigene Runde analysieren zu können, brauchst du keinen teuren Software-Stack. Drei Stufen decken alles ab, was Einsteiger und Fortgeschrittene wirklich benötigen:
- Delta-Overlay im Cockpit – für die Live-Korrektur während der Fahrt. Du siehst sofort, ob eine geänderte Bremsstelle etwas bringt, ohne die Session zu verlassen.
- Cosworth Pi Toolbox – die Tiefenanalyse. Cosworth stellt die Software iRacing-Fahrern kostenlos zur Verfügung, inklusive vorgefertigter Sim-Racing-Layouts und nativer
.ibt-Unterstützung. Seit der Ankündigung vom 26. November 2025 gibt es zusätzlich kostenpflichtige Stufen ab 5 GBP pro Monat (50 GBP im Jahr) mit Live-Telemetrie und Profi-Templates – für Selbstanalyse ist die kostenlose Variante ausreichend. - MoTeC i2 – der Klassiker aus dem echten Motorsport. iRacing-Dateien musst du dafür konvertieren, etwa mit dem Open-Source-Exporter Mu (Version 1.9.5.0), der
.ibt-Dateien automatisch nach MoTeC und CSV exportiert und dabei das gefahrene Setup mitspeichert.
Warum das funktioniert
Das Delta ist nichts anderes als die Zeitdifferenz zwischen deiner Runde und der Referenz an jedem Punkt der Strecke. Steigt die Linie, verlierst du dort gerade Zeit – sie sagt dir also das Wo. Die Telemetrie liefert das Was: Sie macht sichtbar, welche Eingabe am Lenkrad und an den Pedalen du anders machst als die Referenz. Erst beides zusammen macht aus „irgendwie langsamer“ eine konkrete, fahrbare Korrektur.
Deshalb bringt eine Analyse-Session mehr als eine Trainings-Session: Zwanzig Runden ohne Auswertung zementieren die Gewohnheit, die dich langsam macht. Drei Runden mit anschließendem Datenblick geben dir eine konkrete Hausaufgabe für die nächsten drei.
Ein Hinweis zum Season-Zyklus: iRacing ändert Build- und Menü-Details quartalsweise (Stand 2026 Season 3). Tastenkürzel und Datei-Pfade sind seit Jahren stabil, einzelne Optionsmenüs können aber anders benannt sein als hier beschrieben.
Analysier deine Runden mit uns
Wir haben unser kostenloses Overlay PitWall für diesen Moment gebaut – das Delta direkt im Blick, während du fährst. Hol dir PitWall und teile deine Telemetrie-Fragen in unserer deutschsprachigen iRacing-Community; wir schauen gemeinsam drauf, wo bei dir die Zeit liegen bleibt.
Quellen
- iRacing: Getting started with iRacing telemetry (Quickstart, PDF) – Aktivierung per
alt-L, Speicherort und Dateilogik. - iRacing: 2017 Season 1 Release Notes –
irsdkLog360Hzin derapp.iniund die betroffenen Kanäle. - Cosworth: Pi Toolbox für iRacing – kostenlose Datenanalyse mit nativer
.ibt-Unterstützung. - iRacing: Cosworth Pi Toolbox offers more data, real time telemetry and advanced features – Lizenzstufen und Preise, 26.11.2025.
- Mu – Telemetry Exporter for iRacing – Konverter von
.ibtnach MoTeC und CSV.
Häufige Fragen
Wie schalte ich in iRacing die Telemetrie-Aufzeichnung ein?
Drücke während der Fahrt ALT+L – unten links erscheint „telemetry“. iRacing speichert die Runde als .ibt-Datei unter Documents\iRacing\telemetry. Wahlweise aktivierst du das Telemetry-Logging dauerhaft in den Optionen.
Was bedeutet das Delta in iRacing?
Das Delta ist die Zeitdifferenz deiner Runde zu einer Referenzrunde an jedem Punkt der Strecke. Ein negatives Delta heißt schneller, ein positives langsamer als die Referenz.
Mit welchem Tool werte ich iRacing-Telemetrie aus?
Für die Live-Analyse nutzt du ein Delta-Overlay wie PitWall. Für die Tiefenauswertung öffnest du die .ibt-Datei in Pi Toolbox (kostenlos) oder – per Mu-Konverter – in MoTeC i2.
Welche Kanäle sollte ich als Einsteiger zuerst anschauen?
Delta-Kurve, Geschwindigkeit, Bremse, Gas und Lenkwinkel. Damit siehst du, wo du Zeit verlierst und ob es am Bremspunkt, an der Kurven-Mindestgeschwindigkeit oder am Gasgeben liegt.
Gegen welche Referenzrunde soll ich vergleichen?
Am besten gegen deine eigene saubere Bestzeit oder eine nur wenig schnellere Runde mit gleichem Auto, gleicher Strecke und ähnlichem Setup. Eine viel schnellere Alien-Runde verzerrt den Vergleich.
