Reifentemperaturen verraten dir, ob dein Sturz passt. iRacing zeigt pro Reifen drei Werte – außen, Mitte, innen. Die Spanne zwischen Außen- und Innenkante ist dein Sturz-Messwert (Sturz = camber, die Neigung des Rades zur Senkrechten), die Mitte dein Luftdruck-Messwert. Auf der Rundstrecke soll die Innenkante leicht am heißesten sein, mit rund 5 bis 10 °C Abstand zur Außenkante – iRacing selbst nennt in Commodore’s Garage #12 10 bis 15 Grad Fahrenheit Differenz, also grob dieselbe Spanne. Ist die Innenkante deutlich zu heiß, hast du zu viel negativen Sturz und musst den Sturz einstellen, bis sich das Bild angleicht.
Was du brauchst
- Ein Auto in einer Serie mit offenem Setup – in Fixed-Setup-Serien lässt sich der Sturz nicht ändern.
- Eine Testing-Session (kein offizielles Rennen), damit du in Ruhe fahren, ablesen und anpassen kannst.
- Ein paar freie Runden am Stück, um heiße Reifendaten zu sammeln – Werte aus der Outlap sind wertlos.
- Zugang zur Garage, um Sturz und Luftdruck zu verstellen.
- Klarheit über deine Einheiten-Einstellung: Steht iRacing auf „English“, liest du Fahrenheit, auf „Metric“ Celsius. Wer Zielwerte aus englischsprachigen Guides übernimmt, vergleicht sonst Äpfel mit Birnen.
Temperaturen lesen und den Sturz einstellen – Schritt für Schritt
- Testing-Session starten: Im iRacing-UI Auto und Strecke wählen und über Test eine Einzel-Session öffnen.
- Heiße Daten fahren: Drei bis vier saubere Runden im Renntempo, dann in die Box. Erst dann sind die Reifen repräsentativ warm.
- Werte ablesen: Die Reifentemperaturen liegen im Auto auf der Black Box Tire Info, standardmäßig auf F6 (Reifendrücke separat auf F5). Laut iRacing-Support zeigt dieser Screen „each inside, middle and outside tire temp for the last set of tires taken off the car“ plus den Verschleiß je Reifen – und er wird ausdrücklich „only updated every pit stop“ aktualisiert. Live siehst du dort also nichts: erst reinkommen, dann lesen. Format je Reifen: O (außen) / M (Mitte) / I (innen).
- Sturz-Kante bewerten: Vergleiche Innen- und Außenkante des kurvenäußeren, also stärker belasteten Reifens. Innen zu heiß → zu viel negativer Sturz, also Sturz reduzieren. Außen zu heiß → zu wenig, also mehr negativen Sturz geben.
- In der Garage den Sturz einstellen: Garage öffnen und am betroffenen Rad den Wert Camber (Sturz) in kleinen Schritten von 0,1 bis 0,3 Grad ändern.
- Nur eine Stellschraube pro Durchgang: Wieder drei bis vier Runden fahren, neu ablesen. Änderst du Sturz und Druck gleichzeitig, weißt du nie, was die Temperatur bewegt hat.
- Zum Schluss die Mitte: Erst wenn die Kanten stimmen, die Mitteltemperatur über den Luftdruck feinjustieren.
Temperaturbild schnell deuten
| Was du siehst | Bedeutung | Fix |
|---|---|---|
| Innenkante deutlich heißer | zu viel negativer Sturz | Sturz reduzieren |
| Außenkante heißer | zu wenig negativer Sturz | mehr negativen Sturz |
| Mitte kälter als die Kanten | Luftdruck zu niedrig, Reifen wölbt sich nach innen | Druck erhöhen |
| Mitte heißer als die Kanten | Luftdruck zu hoch, Reifen wölbt sich auf | Druck senken |
| Temperaturen passen, Verschleiß einseitig | Sturz stimmt im Schnitt nicht über den ganzen Stint | Sturz in 0,1-Grad-Schritten nachziehen |
| gleichmäßig, innen minimal heißer | Sturz sitzt | nichts ändern |
Verschleiß ist die zweite Meinung
Die Prozentwerte neben den Temperaturen sind kein Beiwerk. Temperaturen sind eine Momentaufnahme des Einfahrens in die Box – der Verschleiß zeigt, was über den ganzen Stint passiert ist. iRacing formuliert das Ziel so: Der Sturz passt, wenn die Verschleißzahlen der drei Zonen nahe beieinanderliegen (Commodore’s Garage #12). Ein blitzsauberes Temperaturbild bei sichtbar stärkerem Abrieb auf der Innenkante heißt deshalb: Du hast auf der Auslaufrunde abgekühlte Werte gelesen, der Sturz ist trotzdem zu negativ.
Auf Ovalen ist der Verschleiß weniger aussagekräftig, weil der rechte Vorderreifen dort strukturell am stärksten leidet – die Last liegt permanent auf einer Seite. Auf Rundstrecken mit Links- und Rechtskurven kannst du die vier Räder dagegen sinnvoll gegeneinander lesen.
Zielwerte und Zahlen, an denen du dich orientieren kannst
Feste Universalwerte gibt es nicht – jedes Fahrzeug in iRacing hat eigene Reifenkonstruktionen. Diese Größenordnungen helfen trotzdem beim Einordnen:
- Kante zu Kante: 10 bis 15 Grad Fahrenheit Unterschied zwischen Innen- und Außenkante nennt iRacing als brauchbaren Startpunkt, das sind rund 5 bis 8 °C.
- Größenordnung der Absolutwerte: Im Beispiel von Commodore’s Garage liegen die Reifenschnitte zwischen 207 und 262 Grad Fahrenheit, also etwa 97 bis 128 °C. Für GT3-Autos gelten laut Coach Dave Academy heiße Werte von 80 bis 90 °C als Arbeitsbereich.
- Kaltdruck: Setze ihn so, dass die Mitteltemperatur ungefähr auf Höhe der Innenkante landet – das ist iRacings eigene Faustregel für den Startdruck.
- Druckaufbau: Zwischen kaltem und heißem Druck liegen je nach Auto und Stint mehrere psi; Commodore’s Garage #13 nennt diesen „build-up“ als eigene Stellschraube. Auf kurzen Ovalen sind linke Drücke unter 10 psi keine Seltenheit – ein Wert, der auf der Rundstrecke absurd wäre.
- Heißdruck als Zielgröße: Für GT3 liegen übliche Werte auf der Strecke bei rund 1,50 bis 1,55 bar. Weicht dein Auto deutlich ab, korrigiere zuerst den Druck – sonst misst du am Sturz herum, obwohl die Mitte das Problem ist.
Typische Fehler, die uns selbst Zeit gekostet haben
- Kalte Daten ablesen: Werte direkt nach der Outlap oder nach einer langsamen Runde täuschen. Nur heiße Reifen nach hartem Renntempo zählen.
- Zwei Dinge auf einmal drehen: Sturz und Druck zusammen zu ändern macht die Diagnose unmöglich – immer nur einen Hebel bewegen.
- Nach einer Runde urteilen: Eine Runde bringt die Kanten noch nicht auf Temperatur. Gib dem Reifen drei, vier Runden.
- Mitten-Problem mit Sturz lösen wollen: Eine zu kalte oder zu heiße Mitte ist fast immer Luftdruck, nicht Sturz.
- Einheiten verwechseln: 15 Grad Differenz aus einem US-Guide sind Fahrenheit. Wer sie in Celsius nachstellt, baut fast doppelt so viel Sturz ein wie gedacht.
- Live-Werte erwarten: Die Reifen-Black-Box aktualisiert nur beim Boxenstopp. Wer während der Fahrt draufschaut, sieht die Daten des vorherigen Satzes.
- Oval-Logik auf die Rundstrecke übertragen: Auf Ovalen willst du die kurveninnere (linke) Seite heißer – rechts negativer, links positiver Sturz. Auf Rundstrecken läuft in der Regel an allen vier Rädern negativer Sturz.
Wann der Sturz gar nicht das Problem ist
Manchmal bekommst du das Temperaturbild nicht sauber, egal wie geduldig du den Sturz einstellen willst. Dann steckt das Problem eine Ebene tiefer: Der Sturz, den der Reifen in der Kurve wirklich sieht, ist der statische Wert plus das, was Karosserierollen und Federweg daraus machen. Rollt das Auto stark, kippt der kurvenäußere Reifen auf die Außenkante – die Temperaturen sagen „mehr negativer Sturz“, die Ursache heißt aber Federrate oder Stabilisator.
Ein zweites Muster: Weichen die Schnitttemperaturen zweier Räder derselben Achse deutlich voneinander ab, arbeitet eine Seite nicht mit. Genau so ein Fall wird in Commodore’s Garage durchgespielt – deutlich kälterer linker Vorderreifen, Diagnose Balance-Problem, Lösung weniger Rollen an der Hinterachse statt Sturz an der Vorderachse. Faustregel für dich: Unterschiede innerhalb eines Reifens sind Sturz und Druck, Unterschiede zwischen Reifen sind Balance.
Warum das funktioniert
Negativer Sturz kippt die Oberkante des Rades zur Fahrzeugmitte. In der Kurve wälzt sich das Auto unter Last nach außen – der negative Sturz gleicht diese Neigung aus, sodass die Lauffläche im Scheitelpunkt flach und mit voller Kontaktfläche aufliegt. Deshalb wirkt Sturz vor allem im Kurvenmittelteil bei maximaler Kurvenlast. Zu viel davon, und der Reifen trägt auf der Geraden nur noch auf der Innenkante – die dann als überhitzte Innenkante in deinen Temperaturen auftaucht.
Die Mitteltemperatur hängt dagegen am Luftdruck: Zu wenig Druck lässt den Reifen in der Mitte durchhängen (Mitte kühler), zu viel wölbt ihn auf (Mitte heißer). Kanten über den Sturz angleichen, dann die Mitte über den Druck – in dieser Reihenfolge kommst du am schnellsten zu einem gleichmäßig arbeitenden Reifen. Stand: iRacing 2026 Season 3; iRacing passt Reifenmodelle quartalsweise an, prüfe die Zielwerte deines Autos gegen aktuelle Setups.
Wenn du beim Sturz-Feintuning nicht allein rätseln willst: In unserem deutschsprachigen iRacing-Discord schauen wir gemeinsam auf Temperaturbilder und Setups – komm vorbei und bring dein Auto mit.
Quellen
- iRacing Support: Black Box Screen Information and Controls – Tire Info (F6), Temperaturen und Verschleiß, Aktualisierung nur beim Boxenstopp.
- iRacing – Commodore’s Garage #12: Tire Data – Auswertung der drei Zonen, Sturz-Zielspanne, Oval- und Rundstreckenlogik.
- iRacing – Commodore’s Garage #13: Tire Pressures – Kalt- und Heißdruck, „build-up“, Druckbeispiele aus dem Oval-Bereich.
- Coach Dave Academy: Understanding Tyre Pressures in iRacing – Richtwerte für GT3-Fahrzeuge.
Häufige Fragen
Wo sehe ich in iRacing die Reifentemperaturen?
Auf der Black Box „Tire Info“, standardmäßig F6. Sie zeigt außen, Mitte und innen je Reifen plus Verschleiß – aber nur den Stand des letzten Boxenstopps, keine Live-Werte.
Welche Temperaturspanne soll zwischen Innen- und Außenkante liegen?
iRacing nennt 10 bis 15 Grad Fahrenheit als Startpunkt, also rund 5 bis 8 °C, wobei die Innenkante leicht am heißesten ist. Größere Spannen deuten auf falschen Sturz hin.
Innenkante ist zu heiß – was tun?
Das ist typisch für zu viel negativen Sturz. Reduziere den Camber am betroffenen Rad in Schritten von 0,1 bis 0,3 Grad und prüfe die Temperaturen nach drei bis vier Runden erneut.
Woran erkenne ich ein Luftdruck- statt Sturzproblem?
An der Mitteltemperatur: Ist die Mitte kälter als die Kanten, ist der Druck zu niedrig; ist sie heißer, ist er zu hoch. Die Kanten regelst du über den Sturz, die Mitte über den Druck.
Wie viele Runden brauche ich für aussagekräftige Werte?
Drei bis vier saubere Runden im Renntempo, dann in die Box und ablesen. Werte aus der Outlap oder nach langsamer Fahrt sind zu kalt und führen zu falschen Setup-Entscheidungen.
Kann ich den Sturz in jeder iRacing-Serie ändern?
Nein. In Fixed-Setup-Serien ist die Garage gesperrt, dort fährst du das vorgegebene Setup. Sturz und Druck stellst du nur in Open-Setup-Serien und in Testing-Sessions ein.
