Kurvenausgang in iRacing: früh ans Gas ohne Wheelspin

Aluminium-Pedale eines Sim-Racing-Rigs im dunklen Raum, ein Fuß dosiert das Gaspedal, kühles blaues Monitorlicht.

Der Kurvenausgang in iRacing entscheidet über die gesamte folgende Gerade – deshalb gilt „slow in, fast out“: lieber etwas langsamer rein, dafür früher und sauber ans Gas. Der Schlüssel ist progressives Gasgeben, während du das Lenkrad aufmachst. Erst wenn die Räder fast gerade stehen, geht der Fuß voll durch. So bleibt die Hinterachse in Traktion, statt durchzudrehen.

Warum der Ausgang mehr Zeit bringt als der Eingang

Ein Fehler beim Anbremsen kostet dich ein paar Meter in der Kurve. Ein Fehler am Ausgang schleppst du über die komplette Gerade danach mit – jeder km/h, den du zu spät aufbaust, fehlt dir bis zur nächsten Bremszone. Deshalb der alte Grundsatz „slow in, fast out“: Du opferst am Eingang bewusst ein Quäntchen Tempo, um die Kurve so zu treffen, dass du am Scheitelpunkt schon wieder ans Gas kannst.

Das Ziel ist nicht, möglichst brutal zu beschleunigen, sondern möglichst früh mit dem Beschleunigen anzufangen, ohne die Reifen zu überfordern. Ein sauberer Ausgang fühlt sich fast unspektakulär an – das Auto zieht ruhig raus, statt zu zappeln.

Voraussetzungen

  • Ein Auto, das du kennst. Übe die Technik erst, wenn du die Strecke halbwegs konstant fährst – sonst mischt sich der Rennlinien-Fehler in den Gas-Fehler.
  • Ein analoges Gaspedal. Mit einem Pedalset lässt sich Gas dosieren; ein digitaler Trigger geht zur Not, macht das feine Modulieren aber schwerer.
  • Wissen, was du fährst. Heck- oder Frontantrieb verhalten sich am Ausgang völlig unterschiedlich (dazu unten mehr).
  • Fahrhilfen bewusst einstellen. In den Sim-Einstellungen unter Settings → Driving → Driving Aids sitzt unter anderem die Throttle Assistance, die laut iRacing-Support-Doku schlicht verhindert, dass die Räder durchdrehen. Wichtig für deine Planung: In offiziellen Sessions sind die Hilfen nur bis Lizenzklasse C freigegeben, ab Klasse B erlaubt iRacing „Disallow All but clutch assist“ – wer die Technik nicht lernt, steht spätestens beim Lizenzaufstieg ohne Netz da (Stand der Support-Doku, September 2026).

Schritt für Schritt: sauber ans Gas

  1. Bremsen vor dem Scheitelpunkt abschließen. Der Umstieg von Bremse auf Gas soll fließen, nicht überlappen. Wer noch bremst und schon lenkt, hat kein Grip-Budget mehr fürs Beschleunigen.
  2. Am Scheitelpunkt die ersten 10–20 % Gas geben. Ein sanfter Anstupser, damit sich das Auto setzt und Last auf die Hinterachse kommt. Behandle das Gaspedal wie einen Regler, nicht wie einen Schalter.
  3. Lenkung aufmachen und Gas parallel steigern. Je gerader die Räder, desto mehr Gas verträgt der Reifen. Beides läuft synchron: Lenkwinkel runter, Gasstellung rauf.
  4. Volllast erst, wenn die Räder fast gerade stehen. Als Faustregel gilt: Bei 100 % Gas sollte die Lenkung nahezu geradeaus zeigen. Vorher voll draufzugehen heißt Durchdrehen oder ein ausbrechendes Heck.
  5. Randsteine mitnehmen. Ein flacher Kerb am Ausgang macht die Linie gerader und lässt dich früher voll beschleunigen. Nur nicht so weit, dass dich der Randstein aushebelt.

Warum der Kurvenausgang in iRacing dein Traktionsbudget sprengt

Ein Reifen hat nur eine begrenzte Menge Grip. Diese Menge kannst du fürs Lenken oder fürs Beschleunigen ausgeben – am Ausgang verschiebst du sie von „komplett zum Kurvenfahren“ hin zu „komplett zum Beschleunigen“. In der Datenanalyse heißt dieses Limit Friction Circle (Reibkreis): Die Datenanalyse-Fachseite Your Data Driven bringt es auf den Punkt – „You cannot have say maximum braking and maximum turning at the same time“. Genau dasselbe gilt für Gas und Lenkwinkel. Die Übergabe zwischen beiden muss weich sein; ein harter Gasstoß bei noch eingeschlagenem Lenkrad verlangt beides gleichzeitig, und der Reifen quittiert das mit Rutschen.

Aufschlussreich ist die Form, die so ein Reibkreis in echten Daten annimmt: Er sieht meist aus wie ein liegendes „D“ – die Bremswerte in g liegen deutlich höher als die erreichbaren Beschleunigungswerte. Für dich am Ausgang heißt das: Du hast beim Herausbeschleunigen weniger Reserve als beim Anbremsen, das Limit kommt früher, als es sich anfühlt. Ein Ausgangs-Fehler ist deshalb schwerer zu korrigieren als ein Eingangs-Fehler.

Baust du das Gas dagegen Runde für Runde ein bisschen früher und ein bisschen mehr auf, findest du die Grenze kontrolliert: Das Auto fängt an, leicht zu schieben oder das Heck wird leicht – und weil es progressiv kommt, ist es vorhersehbar und korrigierbar.

Bei Heckantrieb drückt sich das Auto unter Gas hinten in den Boden (die Hinterachse „setzt sich“), was Traktion gibt – aber zu viel Gas zu früh lässt das Heck kommen (Übersteuern: das Heck bricht aus). Ein zu straff gestelltes Sperrdifferenzial (verteilt die Antriebskraft auf beide Hinterräder) macht das Auto am Ausgang zusätzlich giftig, vor allem auf abbauenden Reifen. Bei Frontantrieb ist es umgekehrt: Die Vorderreifen müssen lenken und antreiben zugleich, das Auto schiebt eher geradeaus (Untersteuern) – hier hilft ein noch ruhigerer Gasfuß und frühes Aufmachen der Lenkung.

Der „Throttle-Jump“ für leistungsschwache Autos

Nicht jedes Auto will den zaghaften Gasfuß. In leistungsschwachen Fahrzeugen darfst du bewusst kräftiger auf den ersten Teil des Gases springen: Das verlagert schnell Last nach hinten, gibt den Hinterreifen Grip zum Zubeißen und hilft dem Auto, sich in die Kurve zu drehen. Als grobe Orientierung nach Antriebsleistung:

FahrzeugtypErster Gas-Impuls
Leistungsschwach (Formel 4, Formula Ford)kräftig, bis ~70–80 %
GT3 / Tourenwagenmoderat, gefühlvoll progressiv
Viel Drehmoment (LMP2, stärkere Formel)klein, ~30–50 %

Danach gilt in allen Fällen dasselbe: weiter progressiv bis Volllast, sobald die Lenkung offen ist.

Gasfuß messen statt schätzen

Gefühl trügt am Ausgang besonders zuverlässig: Zu spätes Gas fühlt sich sicher an, zu frühes Gas fühlt sich schnell an – beides kostet. Deshalb lohnt der Blick in die Daten, und iRacing liefert die Rohdaten selbst mit. Im Auto schaltest du das Mitschreiben laut der offiziellen iRacing-Shortcut-Übersicht mit Alt+L („Toggle Telemetry Logging“) ein und markierst mit M („Mark Event In Telemetry“) direkt die Runde oder Kurve, die du dir später ansehen willst. So musst du hinterher nicht die halbe Session durchsuchen.

Worauf du in der Gas-Spur achtest, sind drei Dinge: Wo im Kurvenverlauf verlässt die Throttle-Linie die Null-Linie (das ist dein tatsächlicher Gas-Einsatzpunkt), wie steil sie ansteigt (Rampe statt Treppe) und ob die Drehzahl kurz davonläuft, während die Geschwindigkeit stehen bleibt – das ist Wheelspin in Datenform. Vergleichst du zwei Runden übereinander, siehst du in Sekundenbruchteilen, ob der schnellere Versuch wirklich mehr Gas hatte oder nur früher.

Genau dafür haben wir PitWall, unser kostenloses Telemetrie-Tool, gebaut: Gas- und Bremsverlauf einer Runde nebeneinander, ohne dass du dich erst in eine Profi-Analyse-Software einarbeiten musst.

Typische Fehler – und was uns selbst Rundenzeit gekostet hat

  • Zu früh volles Gas. Der Klassiker. Fühlt sich schnell an, ist aber langsam: Die Reifen drehen durch, das Auto zappelt, und statt zu beschleunigen verwaltest du nur das Chaos.
  • Gas wie ein Lichtschalter. Auf/zu statt dosiert. Jeder Sprung stört die Balance. Bei uns wurden Rundenzeiten spürbar konstanter, sobald der Fuß gelernt hat, sauber aufzublättern statt zu stampfen.
  • Noch lenken bei Volllast. Wenn du bei 100 % Gas noch Lenkwinkel drin hast, verlangst du dem Reifen zu viel ab. Erst geradeziehen, dann durchtreten.
  • Das Durchdrehen überhören. Wheelspin (durchdrehende Antriebsräder) klingt und fühlt sich anders an als griffiges Beschleunigen. Wer auf Sound und Vibration achtet, findet die Grenze schneller.
  • Lift-off ignorieren. Mitten im Ausgang komplett vom Gas gehen verlagert Last nach vorn und kann das Heck lösen (Lastwechsel-Übersteuern). Lieber Gas halten oder nur leicht lupfen.
  • Dauerhaft mit Throttle Assistance üben. Die Hilfe bügelt genau den Fehler weg, den du spüren müsstest – und ab Lizenzklasse B ist sie in offiziellen Rennen ohnehin weg. Zum Lernen runterdrehen, im Zweifel ganz aus.

Community-Einladung

Der Kurvenausgang in iRacing ist so ein Thema, bei dem ein zweiter Blick auf deine Telemetrie oft mehr bringt als hundert Alleinstunden. Wir sind eine deutschsprachige iRacing-Community und tauschen genau solche Details täglich aus – komm auf unseren Discord, zeig deine Runde und lass uns gemeinsam schauen, wo die Zehntel liegen: discord.gg/JMsP7QRJmf.

Quellen

Häufige Fragen

Warum ist der Kurvenausgang wichtiger als der Kurveneingang?

Weil sich dein Ausgangstempo über die gesamte folgende Gerade fortsetzt. Ein zu langsamer Ausgang kostet bis zur nächsten Bremszone Zeit, ein Eingangsfehler nur kurz in der Kurve.

Was bedeutet „slow in, fast out“?

Du gehst bewusst etwas langsamer in die Kurve, um sie so zu treffen, dass du früh und sauber wieder beschleunigen kannst. Der schnelle Ausgang bringt mehr Zeit als der schnelle Eingang.

Warum drehen meine Reifen am Kurvenausgang durch?

Meist, weil du zu früh zu viel Gas gibst, während das Lenkrad noch eingeschlagen ist. Der Reifen kann nicht gleichzeitig voll lenken und voll beschleunigen. Gas progressiv aufbauen und erst bei fast gerader Lenkung volle Last geben.

Wie gebe ich früher Gas, ohne die Kontrolle zu verlieren?

Ab dem Scheitelpunkt mit 10–20 % anfangen und das Gas parallel zum Aufmachen der Lenkung steigern. Runde für Runde etwas früher und mehr, bis du die Traktionsgrenze spürst.

Sollte ich die Throttle Assistance am Ausgang nutzen?

Zum Lernen besser nicht: Sie verhindert das Durchdrehen und versteckt damit deinen Fehler. Ab Lizenzklasse B lässt iRacing in offiziellen Sessions ohnehin nur noch den Kupplungs-Assistenten zu.